Erzähl mir – wohin geht deine Lebensreise?

Oder: Kannst du die Last der Verantwortung umwandeln in die Kraft der Verantwortung?



Es ist für mich eine Zeit mit unglaublich viel innerer und äußerer Bewegung. Ich spüre in allen Winkeln meines Seins, dass es Zeit für mich ist wieder ein wenig mehr aus dem Schneckenhaus herauszukriechen, das ich mir in den letzten beiden Jahren (und vielleicht auch vorher schon) gebaut habe.


Gestern war ich das erste Mal wieder ohne Maske einkaufen in meinem Lieblings-Biokistl Geschäft. Die schützenden Plexiglasscheiben sind weg, wir können wieder Lächeln in unseren Gesichtern sehen und können uns ohne Masken wieder viel besser hören und verstehen. Ich hätte nicht gedacht, welche unglaubliche erleichternde Wirkung das auf mich haben würde. Es hat mich tief berührt und beglückt.


Ich war nämlich der Meinung, dass ich die Einschränkungen, die ich in den letzten Monaten erlebt habe, für mich gefühlt gar keine so großen Einschränkungen waren. Ich durfte trotzdem noch das machen, was mir am wichtigsten ist – meiner Arbeit nachgehen - mit den Einschränkungen der Lock-Downs natürlich und mit weniger Menschen und noch weniger Umsatz - aber ich durfte wirksam bleiben. Ich habe es geschafft beide Jahre trotz allem nach Senegal zu reisen und dort Luft zu holen auf meinem Land, mit meinem Mann, mit den Menschen dort. Ich bin gesund geblieben und die meiste Zeit auch zuversichtlich. Und ich habe das große Glück sowohl hier als auch dort eingebunden zu sein in Gemeinschaften mit Menschen, die mich bestärken und, die ich bestärken darf. Sowohl bei der Arbeit als auch privat. Ein Riesenglück.


Und doch merke ich, dass da was Tiefes passiert ist die letzten Monate und Jahre. Es hat sich viel getan – auf den Schattenseiten, aber auch auf den lichtvollen Seiten. So zumindest nehme ich das wahr gerade. Ich spüre eine große Lust mein Herz weit aufzumachen und hinaus zu gehen unter die Menschen. Ich spüre eine große Lust auf Leichtigkeit, Freude und Sonne. Ich spüre eine große Lust hinauszurufen, dass wir Menschen es uns nicht so furchtbar schwer machen müssen mit all den Verantwortungen und Erwartungen, die wir tragen.


Viele Menschen haben es gerade gefühlt sehr schwer. Viele Menschen zerbrechen unter den Auswirkungen der letzten Jahre und der Last der Verantwortung, die sie spüren. Verantwortung dafür, was sie halten müssen, leisten müssen, zahlen müssen, retten müssen. Im privaten Familienumfeld, im Haushalt, bei der Arbeit, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, im eigenen Land und auf diesem Planeten. Es ist einfach unheimlich viel, was da gerade angeschaut, verstanden, verdaut und integriert werden will. Alleine, ist das, meiner Meinung nach, nicht mehr zu schaffen.


Deshalb brauchen wir unbedingt wieder mehr sozialen Kontakt, Bestärkung, Unterstützung, Freude und Leichtigkeit. Wir brauchen die Erlaubnis, dass auch in diesen Zeiten Mensch sein freudvoll sein darf. Das bedeutet nicht, dass wir die schwierigen Themen wegdrücken sollen. Das funktioniert bekanntlich nicht so gut. Aber es bedeutet, dass wir uns gegenhaltig halten können, während wir durch unseren Schmerz gehen. Es bedeutet, dass uns bewusst werden darf, dass wir gleichzeitig Freude empfinden dürfen und doch in tiefen Entwicklungsprozessen stecken können. Wir dürfen lernen, dass manchmal der ganze Körper schmerzt, wir ängstlich sind und darunter trotzdem noch die Lebendigkeit sich ihren Weg sucht.


Kürzlich war ich in einem Satsang mit Swami Nitya, unserer Lehrerin für Yogaphilosophie - oder westlicher ausgedrückt – für Lebensphilosophie. Sie hat zur Einstimmung die Frage gestellt: Wohin soll deine Lebensreise gehen? Du kannst wählen, ob du irgendwo in den Zug deiner Reise einsteigst, dich hinsetzt, einschläfst und dann ganz überrascht bist, wo du denn dann am Ende angekommen bist oder du kannst wählen einzusteigen, wach zu bleiben und immer wieder zu schauen, wo dich denn der Zug hinbringt und ob es Möglichkeiten gibt, die Richtung so zu ändern, dass du dort ankommst, wo du ankommen möchtest. Ich finde das ein schönes Bild.


Nicht immer, natürlich, haben wir das Gefühl, dass wir einfach die Richtung ändern können, weil wir vielleicht gerade keine Haltestelle sehen, an der wir aussteigen könnten um in eine andere Richtung zu fahren. Manchmal wissen wir auch gar nicht wo wir denn um Gottes Willen überhaupt ankommen sollen. Aber wir können wach bleiben und darauf vertrauen, dass die Haltestellen und die Weichen in die Richtung, in die wir möchten und sollen, kommen, wenn wir in Verbindung mit dem Leben und der Reise bleiben, uns immer wieder fragen, was uns motiviert in die eine oder andere Richtung zu gehen. Und letztendlich ist es vielleicht auch gar nicht ganz so wichtig an welcher Haltestelle wir am Ende ankommen.


Vielleicht ist das Ziel ja der Weg und jede kleine Erfahrung, die wir unterwegs machen dürfen. Vielleicht ist das Geheimnis jeden Tag dankbar zu sein für die Strecke, die wir jetzt gerade in unserem Lebenszug zurücklegen, für die Aussicht, die wir jetzt gerade genießen dürfen und für die Menschen, die jetzt gerade in unserem Wagon sitzen.


Ja, wir haben große Verantwortungen zu tragen und die fühlen sich auch nicht immer an wie Genuss, Freude und Leichtigkeit. Gestern in meiner Montags-Weggemeinschaft ist der Impuls gekommen, ob es nicht möglich sein könnte, die Last der Verantwortungen, die wir tragen, in eine Kraft der Verantwortung umzuwandeln. Ich merke, das macht mit mir sofort etwas. Es bringt mich mehr in ein Gefühl von Gestaltungsmacht, von möglicher Wirksamkeit, sogar in ein Gefühl von Privileg. Ich darf Verantwortung übernehmen, ich darf gestalten, ich darf wirken, ich darf meinen Beitrag leisten. Und ich darf mir dafür auch immer wieder Unterstützung einladen und Weggefährt*innen suchen.


Auf welche Art und Weise das geschieht, in welchem Wirkungsfeld, in welchem Tempo das sei jedem und jeder von uns freigestellt. Jede*r von uns hat einen eigenen Weg und alle Wege gemeinsam bilden ein rundes, vollkommenes, buntes Bild von Reiserouten. Manche Züge sind Regionalzüge mit vielen Haltestellen, manche sind Schnellzüge mit klaren Zielen, manche verbinden Kontinente und fahren über Brücken und manche sind gemütliche Bummelzüge mit wunderschöner Aussicht von einem Ort zum nächsten.


In diesem Sinne wünsche ich dir eine gute Reise, viel Freude unterwegs und viel leichte Kraft für deine Verantwortungen. Vielleicht treffen wir uns ja in dem einen oder anderen Wagon oder an einer Haltestelle – und fahren ein Stück des Weges gemeinsam.


Alles Liebe

Martina



Falls du dir für unterwegs Begleitung und Impulse wünschst, kann ich dir folgende Möglichkeiten ans Herz legen:


Das alte Wissen vom gesunden Leben mit Dr. Abilash Anand am 13.05. um 19.30 Uhr im Yoga Shiatsu Zentrum Meran


Die Sinne – unser Fenster in die Welt mit Nura Kissener am 28.05. um 09.30 Uhr im Yoga Shiatsu Zentrum Meran


Eine Reise vom Kopf ins Herz mit Swami Nityamuktananda Saraswati und Sabina Cesaroni in der Casa Pallotti in Meran (in Englisch)


Und wenn du gerne regelmäßig für dich üben magst, wähl dir einen unserer wöchentlichen Yoga-Kurse aus und schenk dir diese Zeit für dich – zum Innehalten, zum Forschen, zum Spüren, zum Weichen stellen: www.yszm.it/kurse


Halte auch gerne immer wieder Ausschau nach unseren Seminarangeboten, Vorträgen, Satsangs & Austauschkreisen.

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