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„Es ist nicht perfekt, aber es ist lebendig.“

Oder: Warum die wahre Perfektion in der Imperfektion liegt

 

Ich bin heute Früh aus einem recht stressigen Traum aufgewacht. Ich war mit einer Kollegin aus der Schule unterwegs mit dem Auto und wir mussten irgendwo zu einer bestimmten Zeit ankommen – aber irgendwie, so wie es mir oft ergeht, wenn ich im Traum Stresssituationen verarbeite, war es nicht klar wo wir überhaupt ankommen sollten und warum.


Klar war nur, so verlieren wir Zeit und wir werden ganz bestimmt nicht die Aufgabe erfüllen, die wir erfüllen sollten. Vielleicht habe ich verarbeitet, dass ich gestern mit meinen Schüler*innen eine DVD anschauen wollte und ich es partout nicht geschafft habe, die DVD zu starten – nicht im Klassenraum, nicht im Computerraum und nicht im Medienraum. Eine Schulstunde hat mich dieser Prozess gekostet und die Aufmerksamkeit meiner Schüler*innen. Die waren auch nachher dann nicht mehr in der Stimmung konzentriert mit mir an Deutschaufgaben zu arbeiten. Wer kanns ihnen auch verübeln?


„Ich hätte das vorher testen sollen“ war mein Gedanke und der ist ja gar nicht so unberechtigt. Aber wer denkt daran, dass es in einer technologisch recht modern ausgestatteten Schule eine Herausforderung ist eine DVD zu starten.


Die Situation gestern hat mich prompt mitten ins Herz einiger Themen gebracht, die mich immer noch aus der Ruhe bringen können:

-          Das Gefühl nicht gebührend vorbereitet zu sein

-          Technologie, von der ich denke sie ist zur Unterstützung da und, die dann einfach nicht funktionieren will


So, nun könnte ich mich mit Selbstkritik zerfleischen oder mich zum Opfer der Technologie machen. Aber so dramatisch war die Situation nun auch wieder nicht.


Ich bin tatsächlich zusammen mit dem Nachklang von meinem Stresstraum auch noch mit einem Satz im Kopf aufgewacht: „Es ist nicht perfekt, aber es ist lebendig.“ Was, wenn diese Trigger-Situationen zu uns kommen, damit wir lernen können, gelassen genau mit jenen Themen umzugehen, die uns immer wieder unsere innere Ruhe kosten?


Da gibt es noch einige solche Themen und letztlich begegnen sie mir alle. Vielleicht ist es noch die Kraft des Blutmondes, der uns unsere Schatten zeigen will, damit wir sie lösen können und Raum für etwas Neues schaffen können. Vielleicht ist es die Zeitqualität des Frühlings, die uns ins Wachsen bringen möchte, vielleicht ist es das Feuerpferd, das endlich Taten und nicht nur Gedanken sehen möchte.


Oder vielleicht bin es einfach auch nur ich mit meinem im Moment so perfekt unperfekten Zustand (ich habe gerade nachgeschaut, anscheinend gibt es in der deutschen Sprache das Wort unperfekt nicht, aber ich verwende es doch, weil es mir in diesem Kontext perfekt erscheint :-))


Was mich noch so auf die Palme bringen kann:

-          Autoritäten, die (vermeintlich) ihre Autorität missbrauchen und mich mit einem Gefühl von willkürlicher Hilflosigkeit zurücklassen.

-          (Vermeintliche) Erwartungen von Menschen (je näher, desto intensiver der Widerstand), die mir suggerieren, was ich tun oder sein sollte.

-          Die Angst nicht diszipliniert, tatkräftig, fähig und konsequent genug zu sein, um meine Ideen vom Leben irgendwie auf die Erde zu bringen.

-          Die Angst mich im Egoismus zu verlieren und mehr zu nehmen als ich gebe – und es gar nicht zu merken.


Auf meinem Schreibtisch lacht mich ein Zitat an, das gerade als wohliger Gegenpol zu diesen leicht frustrierenden Schatten wirken kann: „You are magnificent beyond measure, perfect in your imperfections, and wonderfully made.“ (Du bist über die Maßen großartig, perkekt in deiner Imperfektion und wundervoll gemacht). Das lässt mich gerade schmunzeln.


Wie lassen sich die inneren unwohlen Zustände mit dieser Botschaft verbinden? Vielleicht indem ich mir bewusst mache, dass das Leben mich mit seinen Herausforderungen immer nur darin unterstützen möchte, Erfahrungen zu machen und daran zu wachsen. Es meint es immer gut mit uns und die negativen Interpretationen und Stressreaktionen, die wir dazu geben, kommen rein aus unserer Perspektive auf die Dinge.


Was, wenn meine Schüler*innen in der Stunde, die sie gestern durch mein Scheitern gewonnen haben, engere Kontakte geknüpft haben, weil sie die Zeit genutzt haben, um mal miteinander zu sprechen? Was, wenn es ihnen gut getan hat, mal eine Stunde lang keine Inputs von Außen zu bekommen und schon gar gebannt auf eine Leinwand zu starren?


Was, wenn Begegnungen und Beziehungen, die unharmonisch, ein wenig frustrierend und eben nicht perfekt wirken, der fruchtbarste Boden für Frieden sind, weil wir lernen mit Polaritäten und unterschiedlichen Erwartungen und Perspektiven umzugehen und üben können konstruktiv Position zu beziehen?


Was, wenn Hindernisse (auch bürokratische) tieferes Wissen und Verständnis einladen, klare Kommunikation fördern und Angst vor Konfrontation mindern?


Also, ich entscheide mich heute einfach mal dafür – zumindest im Wachzustand – all diese kleinen Alltagsherausforderungen, die mich immer wieder mal ein wenig oder auch sehr nervös machen, als Geschenk des Lebens anzuerkennen und mich selbst daran zu erinnern, dass ich nicht perfekt sein muss, um eine Daseinsberechtigung zu haben - und demnach auch die anderen nicht.


Perfekt ist langweilig und schneidet alle Lebendigkeit und Verbindung ab.


Es lebe die lebendige Imperfektion. 😊


Alles Liebe und fröhliches Frühlings-Wochenende.

Martina

 
 
 

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