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Zeit der Liebenden

Oder: Fragen, die das Leben stellt

Gestern war der Tag der Liebenden. Für mich war es kein Tag mit roten Rosen und Herzchenschokoladen und doch war es ein zutiefst berührender Tag, der mein Herz gerade sehr wach sein lässt.


Mein Liebster, im Sinne des Klischees, ist gerade im Afrikanischen Busch unterwegs beim Fischen und hat ganz wenig Empfang auf seinem Handy. Trotzdem gab es eine federleichte Berührung mit einer Nachricht: „Wir sehen uns in 10 Tagen“.


Dieses scheinbar kleine Lebens- und Liebeszeichen war mehr als ich erwartet hatte und macht mich dankbar. Wir brauchen in unserer Verbindung im Moment keine großen Liebesschwüre (mehr) und auch keine großen Gesten. Die kleinen alltäglichen Dinge sind mehr als genug. Vielleicht hat das mit unserem Alter zu tun, vielleicht mit der Geschichte und den Dramen, die wir schon gelebt und gelöst haben, vielleicht ist es auch einfach nur eine kleine Atempause in unserer sonst recht turbulenten Beziehung. Ich freue mich auf jeden Fall, dass wir uns bald wiedersehen.


Ich sitze heute Morgen hier, es ist noch dunkel und ich lasse meine Gedanken und Gefühle schweifen. Die letzten Tage und Wochen waren intensiv. Jetzt liegt eine Ferienwoche vor mir, heute kommen meine Mutter und mein Bruder aus Indien nach Hause und werden ein paar Tage bei mir wohnen und ich schenke mir selbst ein paar Tage in Triest. Ich möchte an meinem Geburtstag am Meer sitzen. Ich habe Sehnsucht nach dem Meer und so viele Fragen, die ich in die Wellen legen möchte.


Die Frage nach dem Leben und der Liebe bewegt mich gerade sehr. Wie gesagt, nicht so sehr das Klischee von der romantischen Liebe, die kommt und geht – zumindest gibt es in meinen inzwischen 51 Jahren eine Menge von verschiedenen Kapiteln. Lieben und Leidenschaften, die gekommen und gegangen sind, manche sind spurlos verschwunden, manche haben kleine Narben und große Erkenntnisse hinterlassen, aus manchen Zeiten sind Freundschaften und Verbindungen bestehen geblieben.


Wenn ich zurückblicke auf meine Zeit, die ich bisher leben durfte, scheint es eine lange Zeit zu sein. Nicht immer habe ich es geschafft, das Leben als Geschenk zu sehen, nicht immer war meine Lebensfreude groß, noch immer schaffe ich es nicht immer, das was das Leben zu bieten hat, im Hier und Jetzt voll auszukosten.


Manchmal fühlt es sich recht schwer und mühsam an durch die Tage zu kommen, manchmal stellt sich auch die Frage nach dem Sinn von all der Anstrengung, Dann frage ich mich manchmal, ob ich undankbar bin, ob ich das Leben zu selbstverständlich nehme, ob ich etwas einfach komplett falsch verstehe.


Manchmal frage ich mich auch, ob das, was ich bei meiner Arbeit in der Schule mache, lebens- und liebesförderlich ist. Manche der jungen Menschen, die ich begleiten darf, haben keine Lust auf Schule und Lernen, sie fühlen sich genötigt sich mit Themen und Aufgaben zu beschäftigen, damit sie ein Recht darauf haben in unserer Gesellschaft einen Platz zu finden. Sie müssen die Sprache lernen, sonst haben sie in unserer Welt keinen Wert.


Ich liebe Sprachen und Kulturen und den Kontakt zu den Menschen aus aller Welt, aber wenn ich spüre, dass ich andere dazu zwingen muss, diese Liebe mit mir zu teilen, sie mit unseren Systemen und Vorstellungen fast ein wenig quälen muss, oder sie davon überzeugen muss, zumindest zu erkennen, dass für sie kein Weg daran vorbei führt, wenn sie hier leben möchten, dann ist das manchmal ziemlich frustrierend. Ich würde mir für die Jugendlichen und für mich wünschen, dass sie mit Freude herausfinden dürften, was für sie wichtig und richtig ist.


Wenn es dann passiert, dass ein junger Mensch, der gefühlt gerade erst seinen Weg gefunden hat und voller Lebensfreude, Energie und Liebe unterwegs ist, ganz abrupt aus dem Leben gerissen wird, dann wiegen diese Fragen und Zweifel, umso schwerer. Warum muss so ein junger, lebensfroher Mensch so früh gehen? Warum darf ich so lange hier sein und bekomme immer wieder neue Chancen den Kurs zu korrigieren und dieser junge Mensch nicht mehr?


Darauf gibt es vielleicht keine Antwort, zumindest keine rationale. Das Bild, das gestern zu mir gekommen, nachdem ich die Worte der Menschen gehört habe, die ihm nahestehen, hilft mir ein bisschen.


Ein Bild von Lebensfäden, die sich hier in dieser Welt treffen, sich für eine Zeit lang berühren und dann wieder ihren eigenen Weg finden. Manchmal trennen sich Lebensfäden durch bewusste Entscheidungen voneinander und manchmal werden sie von einer Kraft, die größer ist, als wir sie begreifen könnten, in Bahnen gelenkt und geleitet, die für uns schwer zu verstehen sind. Was für mich gestern aber für einen Moment ganz klar wurde:  Immer ist das Prinzip, das darunter fließt, die Liebe.


Dass dieser schöne junge Mensch weitergezogen ist und wir noch hier sind, unterliegt diesem Prinzip. Dass das für seine Herzensmenschen, die zurückbleiben, ein unglaublicher Schmerz ist, den ich mir fast nicht vorstellen kann, zeugt von dieser großen Liebe, aus dem die Lebensfäden gewebt sind.


Und auch, wenn wir auf unserem Lebensweg, immer wieder mal hadern, gefühlt stecken bleiben, uns abmühen, vergessen wer wir sind und was wir hier machen, Abschied nehmen müssen von unseren Vorstellungen und von Menschen, die wir bei uns haben wollen - wir sind immer getragen von diesem Prinzip der Liebe.


Ich spüre, wie dieses Bild gerade droht, mein Herz aufzubrechen und überfließen zu lassen – nicht in einer Art romantischer Verliebtheit, sondern in einer rohen, lebendigen Form von Überwältigung. Da steigt der Wunsch und die Sehnsucht danach auf, jedes Urteil über das Leben abzulegen – mein Leben und das Leben anderer.


Ich sitze staunend, anerkennend und tief mitfühlend mit allen Lebensgeschichten auf dieser Welt.


Und mehr kann ich gerade dazu nicht sagen. Außer, dass ich mich darauf freue, am Meer zu sitzen und den Botschaften der Wellen zu lauschen.


Gute Zeit

Martina

 
 
 

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